Der Bewerber für den Managementposten war in seinem letzten Job gekündigt worden, ist er deswegen tatsächlich gescheitert? Im Arbeitszeugnis war angedeutet worden, dass er mit einer eigenwilligen Strategie in den Markt gegangen war. Offenbar ein Misserfolg. Die Runde der Personal-Entscheider atmete auf: Endlich Gewissheit, der Kandidat war für den Job gestorben. Warum eigentlich?

In den USA gilt es als Vorzug, wenn jemand schon mal gescheitert ist, man nimmt an: Er hat daraus gelernt! Im deutschsprachigen Raum steht jedoch der Glaubenssatz „einmal gescheitert, immer gescheitert“ ganz oben !

Diese Haltung ist fragwürdig. Erstens geht sie davon aus, ein Mensch lerne nicht aus Fehlern. Zweitens wird vorausgesetzt, dass ein guter Mitarbeiter niemals Fehler macht, sprich: unfehlbar ist. Und drittens wird verleugnet, dass Misserfolge auch mit unglücklichen Umständen zu tun haben können. Außerdem: Wer garantiert, dass ein Gescheiterter wirklich gescheitert ist – oder ob das nur fälschlicherweise so gesehen wurde?

Das Bespiel J. K. Rowling

Das Harry Potter Manuskript wurde von zwölf Verlagen abgelehnt, weshalb man J. K. Rowling als gescheiterte Autorin hätte sehen können. Später stellte sich heraus: Nicht die Autorin war gescheitert, nur die Lektoren waren es. Sie hatten einen Bestseller verkannt, ein Millionengeschäft vermasselt. Der Verlag Bloomsbury Publishing nahm das Manuskript schlussendlich 1996 an. Auch dieser hatte es zuvor schon abgewiesen, besann sich dann aber auf Empfehlung seines Jugendbuchverantwortlichen noch einmal. Seither prüfen die Lektoren die Manuskripte vermutlich gründlicher.

Den guten Seemann erkennt man bei schlechtem Wetter

Niemand lernt laufen, ohne dass er hinfällt. Scheitern gehört zum Leben, und Krisen aktivieren Kräfte. Nicht umsonst heißt ein Sprichwort „Den guten Seemann erkennt man bei schlechtem Wetter“. Wem es gelingt, ein tiefes Tal zu durchschreiten, der geht gestärkt daraus hervor. Wer eine Insolvenz überstanden hat, eine Kündigung verdaut oder eine Arbeitslosigkeit ausgehalten, der kann mit schwierigen Situationen im Job besser umgehen als jemand, dessen größtes Problem im Leben ein Fleck auf dem Pulli war. Er hat bewiesen, dass er sich vom Sturm einer Krise nicht umblasen lässt. Eine solche Charakterprobe sagt mehr über die Fähigkeiten eines Menschen aus als ein makelloser Lebenslauf.

Gescheiterte sind gescheiter! Zumindest um ein Stückchen Erfahrung. Das spricht sich auch langsam unter Personalern herum – aber erst, nachdem sie reihenweise selbst gescheitert sind: mit dem Einstellen scheinbar makelloser Bewerber.

(Bildnachweis: Designed by Freepik und Fotolia)

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